Dienstag, 15. Mai 2012

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem.

Muah. Diese schlimme erste Zeile. In der man den Leser davon überzeugen muss, dass ihm der restliche Artikel leuchtende Augen und einen rosigen Teint bescheren wird. Ich kann sowas nicht! Ich kann nur pragmatisch über ein Buch sprechen: ob es mir nun gemundet hat oder nicht, und wenn nicht, warum nicht, und wenn doch, warum. Dafür sind wir ja wohl auch alle hier. So.

Die Tribute von Panem. Hat mir gefallen. Das hätten wir schon mal. Wenn nicht, ja wenn eben nicht … dazu komme ich gleich. Suzanne Collins stammt eigentlich aus dem Drehbuchfach – davon profitiert das Erzähltempo sehr. Drehbuchautoren, die Romane schreiben, machen das oft sehr spannungsreich und kreativ (Game of Thrones! Yay!) und bringen fesselnde Geschichten auf den Tisch, die ich in einem Mordstempo einatme. Die Tribute von Panem ist so ein Fall, wobei wir zugleich beim ersten und für mich dicksten Wehmutstropfen wären. Diesen dystopische Gesellschaftsentwurf, in dem ein zukünftiges totalitäres Regime Kinder dazu zwingt, sich in sogenannten Spielen bis zum Tod zu bekämpfen, den gibt es schon. Zum Beispiel funktioniert der Film "Battle Royale" (Japan, 2000) nach genau diesem Muster. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll – der Filmstoff ist so identisch mit dem ersten Band der Trilogie, dass ich ihn kaum noch als bloße "Inspiration" bezeichnen möchte. Als ich auf Wikipedia nachgeschlagen habe, begegnete mir dieser Kritikpunkt dort ebenfalls. Wahrscheinlich habe ich das alles mal wieder als Letzte gecheckt. Seufz.

Wenn ich mir überlege, wie viel Kohle die gesamte Trilogie ihrer Autorin eingefahren hat, finde ich das etwas bitter. Genau genommen kotzt es mich sogar ziemlich an, dass Mrs Collins mit den kaum verschleierten Ideen anderer Künstler einen derartigen medialen Erfolg verzeichnet. Ganz ehrlich: hätte ich das vorher gewusst, dann wäre die Panem-Trilogie nicht auf meinem Lesetisch gelandet. Sowas kann ich aus Prinzip nicht ab. Komm mir jetzt bloß keiner mit einem bekloppten "Mash-Up ist Zeitgeist"-Einwand. Mash-Up my ass. Hier ist es mir wirklich zuviel.

Gut. Nun besteht der ganze Kram nicht nur aus dem ersten Band, und ich will versuchen, das Plagiatsgeschrei mal einen Moment beiseite zu lassen. Tun wir so, als wüssten wir alle von nichts: dann ist die Panem-Trilogie ein sehr spannendes, interessantes und kreatives Konzept. Ja, es gibt eine Lovestory, und nein, sie ist zum Glück nicht unerträglich kitschig. Liegt vielleicht auch an den vielen Toten.

Gestorben wird hemmungslos. Auch und gerade die Guten müssen dran glauben. Collins übt keine Gnade, was ich wiederum lobenswert finde. Die Figuren sind nicht selten gebrochen und verletzt – und alles andere wäre wohl auch erstaunlich, denn die Bewohner Panems leben nicht gerade in Saus und Braus. Entstanden aus den Trümmern der einstigen USA, bildet Panem ein Land der Überlebenden, unterteilt in 12 Distrikte und regiert vom sogenannten Kapitol. Die Menschen leiden Hunger, alles ist rationiert und kontrolliert. Unüberwindliche Zäune umgeben die Distrike, weder existiert Reisefreiheit noch ein Zugang zu unabhängiger Information. Als Strafe für lange zurückliegende Aufstände werden aus jedem Distrikt jedes Jahr zwei Kinder ausgelost: die sogenannten Tribute. Sie müssen in der Arena der jährlichen "Hungerspiele" gegeneinander antreten. Der letzte Überlebende gewinnt.

Kurioserweise komme ich damit erst jetzt zu den beiden Hauptfiguren, dem Mädchen Katniss und dem Jungen Peeta aus Distrikt 12. Ich reiße hier nur ganz kurz an: Sie werden als Tribute in die Arena des Kapitols geschickt, um mit den anderen bis zum Tod zu kämpfen. Tja, und bald stellt sich heraus, dass sich zwischen den beiden Jugendlichen, den unmöglichen Umständen zum Trotz, etwas entwickelt. Unversehens kommen Katniss und Peeta den Plänen des Kapitols in die Quere. Kann natürlich unmöglich gutgehen – der Kampf gegen das Kapitol beginnt.

Ein Aspekt, der mir beim Panem-Konzept gefällt, ist die fehlende "historische" Erläuterungsebene. Es wird eben nicht weitschweifig erklärt, aus welchen Gründen und auf welche Weise das frühere (unser heutiges) Nordamerika zugrunde ging. Die Geschichte spielt in ihrem eigenen Hier und Jetzt, die Vergangenheit bleibt nebulös und der Rest der Welt kommt gar nicht erst vor. Das schafft einen schön kompakten Rahmen, der das rasante Tempo erlaubt. Unterm Strich eine Story nach meinem Geschmack und mit Sicherheit eine gute Wahl für Fans filmisch erzählter Fantasy-Romane. Nervte da nicht die leidige Abschreibegeschichte, gäbe es von mir eine klare Empfehlung!

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