Dienstag, 13. Oktober 2009

Neil Gaiman: Anansi Boys






„Es beginnt, wie es ja meistens der Fall ist, mit einem Lied. Im Anfang waren schließlich die Worte, und dazu gab es auch gleich eine Melodie. So wurde die Welt geschaffen, so wurde das Nichts geteilt, so kamen sie alle in die Welt: die Landschaften und die Sterne und die Träume und die kleinen Götter und die Tiere. Sie wurden gesungen.“


So beginnt Neil Gaimans großartiger Roman Anansi Boys, der mit seinem Weltentwurf die Fortsetzung des Vorgängers American Gods  darstellt, mit diesem allerdings keine Serie bildet. Die beiden Romane können problemlos unabhängig voneinander gelesen werden. Im direkten Vergleich ist American Gods rotziger und düsterer, während Anansi Boys nie seine trockene Heiterkeit verliert.

Mit wem haben wir es also zu tun? Fat Charlie, ein Londoner Workaholic, zeichnet sich vor allem durch eines aus: seine grenzenlose und fast paranoid zu nennende Abneigung gegen peinliche Situationen aller Couleur. Dumm nur, dass Fat Charlies Vater die Peinlichkeit eigenhändig erfunden zu haben scheint – entsprechend wundern wir uns auch gar nicht, dass den armen Charlie die Nachricht vom Tod des alten Herren eher beschämt als bestürzt (er fällt tot von einer Karaokebühne, straight in den Ausschnitt einer jungen Touristin).

Charlie reist von London nach Florida zur Beerdigung seines Vaters und muss dort erstmal zwei kuriose Fakten verdauen: Papa war zu Lebzeiten der afrikanische Spinnengott Anansi, und außerdem hat Charlie einen vermeintlichen Bruder namens Spider, der angeblich auch noch die ganzen coolen Göttertalente geerbt hat. Als Spider Charlie in London besucht, benimmt er sich so gar nicht brüderlich – Job und Verlobte sind erstmal weg und Charlie ziemlich im Arsch.

Neil Gaiman verflicht auch in Anansi Boys die Welt der Götter und Mythen mit der uns bekannten Gegenwart und lässt Götter auf Londons Straßen wandeln und mit sympathischen Alltagscharakteren wie dem Loser-Protagonisten in familiärer Zwietracht verkehren. Anansi hat nämlich vor seinem Ableben ein paar andere Götter ziemlich abgezockt, und diesen Fauxpas müssen Spider und Charlie aus der Welt schaffen – kein leichter Job, zumal Charlie den extrovertierten Spider peinlicher als alles andere findet.

Anansi Boys erscheint hier in Deutschland übrigens bei Heyne (Leseprobe hier ). Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass dieser Artikel ganz nach meinem Geschmack ausfällt: Er beinhaltet Neil Gaiman UND eine überflüssige Anekdote.

Es ist nämlich so, dass einst im Deutsch-Leistungskurs meine nichts ahnende Banknachbarin einen Roman des Heyne Verlags auf ihrem Tisch liegen hatte. Als der prüfende Blick unseres Lehrers auf das arme Buch fiel, verlieh er seinem Missfallen über den Heyne Verlag und dessen "niveaulose" Veröffentlichungen umgehend vor der ganzen Klasse Ausdruck. Der sonst sehr umgängliche Herr B**** hatte also auf einen Streich den Intellekt seiner Schülerin, den Verlag und den unschuldigen Roman beleidigt sowie einen unangemessenen Snobismus an den Tag gelegt.

Ein Vorfall, den ich damals höchst ärgerlich fand. Und jetzt, fast 13 Jahre später, kommt mir endlich die passende Antwort in den Sinn: „Das stimmt so aber nicht, was Sie da sagen, Herr B****, denn der Heyne Verlag veröffentlich schließlich auch durchaus relevante Gegenwartsautoren wie zum Beispiel Neil Gaiman, der ja, wie Sie wissen, zu den britischen Aufsteigern der Neunziger gehört, es wie kaum ein anderer versteht, anspruchsvolle Literatur mit Leichtigkeit zu vereinen und der deshalb vollkommen zu Recht eine große internationale Fangemeinde sein Eigen nennt! Also muss es im Heyne Verlag mindestens eine Handvoll Menschen geben, die wissen, was sie tun, weswegen arrogante Verallgemeinerungen wie die Ihre nicht nur unangebracht, sondern auch ideologisch und pädagogisch kein gutes Beispiel für Ihre Schüler sind.“

Wäre mir das mal früher eingefallen.




Neil Gaiman über Anansi Boys:


Kommentare:

Dr. Borstel hat gesagt…

Ich schätze, nachdem mir "American Gods" wirklich fabehaft gefallen hat, werde ich mir "Anansi Boys" wohl demnächst ebenfalls vornehmen. Gaimans Art, ernste, bisweilen philosophische Themen mit entspanntem Humor zu garnieren, sucht wirklich ihresgleichen. Insofern hat der Verlag an dieser Stelle tatsächlich alles richtig gemacht.

lizzz hat gesagt…

Absolut. Ich kann "Anansi Boys" wirklich nur allerwärmstens empfehlen. Und die Übersetzung ist diesmal wirklich fabelhaft gelungen.